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Psychoanalytische Pädagogik – wie sie dein Lehrer:innenleben verändern kann

Die Psychoanalytische Pädagogik war in meinem Lehrerinnenleben vor einigen Jahren ein echter Gamechanger! Aber von Anfang an..

Nach meinem Referendariat begann mein eigenverantwortliches Lehrerinnenleben an einer Brennpunktschule wie sie im Buche steht. Schnell merkte ich, dass mein methodisches und didaktisches Wissen nicht ansatzweise ausreichte, um die Kinder dort zu erreichen. Unterrichten war nur sehr schwer möglich!

Schnell war mir klar, dass ich etwas verändern muss, um in diesem Beruf meine LehrKRAFT zu entfalten!

2013 habe ich daraufhin begonnen, an der Uni zwei Jahre und berufsbegleitend „Psychoanalytische Beratung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“ zu studieren – und was soll ich sagen: Es war ein Gamechanger (ja, ich muss es nochmal sagen!) für meine pädagogische Arbeit!

Hier stelle ich dir die wichtigsten Konzepte der Psychoanalytischen Pädagogik vor und ganz am Ende erfährst du noch mehr über die geniale Transformation meiner Arbeit in der Schule und darüber, wie du das auch für dein Lehrer:innenleben erreichen kannst!

„Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vorbeigehen […]
es ist so überaus wichtig, so reich an Hoffnung für die Zukunft,
vielleicht das Wichtigste von allem, was die Analyse betreibt.
Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik,
die Erziehung einer ganzen Generation.“

Sigmund Freud 1933

Die Entdeckung des Unbewussten durch Freud

Die Psychoanalytische Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, der auf den Theorien und Konzepten der Psychoanalyse basiert.

Grundvoraussetzung der Psychoanalyse – und der Unterschied zu allen anderen psychologischen Schulen – ist die Annahme von der Existenz des Unbewussten.

Der Begriff des Unbewussten geht auf Sigmund Freud zurück. Der schrieb vor ca. 120 Jahren, dass es „seelische Dinge im Menschen gibt, die er weiß ohne zu wissen, dass er sie weiß“.  Mit dieser Annahme begründete er die Psychoanalyse oder auch die „Lehre des Unbewussten„.

In der psychoanalytischen Theorie geht man also davon aus, dass die Motive menschlichen Verhaltens, Fühlens und Denkens größtenteils unbewusst sind. Entwickelt haben sich diese Motive in den ersten Bindungserfahrungen während der frühen Kindheit.

In den letzten hundert Jahren hat sich diese Theorie zu Konzepten mit auch heute noch hoher Aktualität weiterentwickelt und ist grundlegend für die Psychoanalytische Pädagogik.

Bei der psychoanalytischen Pädagogik geht es aber nicht ausschließlich um die Anwendung psychoanalytischer Theorien im pädagogischen Feld. Vielmehr geht es darum, dass du das methodische und analytische Denken der Psychoanalyse in der pädagogischen Praxis anwendest. Die psychoanalytische Pädagogik verhilft dir so zu einer alternativen Perspektive auf die Arbeit mit schwierigen Kindern und Jugendlichen und vervielfacht deine Handlungsmöglichkeiten.

Das Unbewuste – topografisches Modell von Freud

Bestimmt hast du schon mal von Freuds Strukturmodell gehört – das war das mit Es, Ich und Über-Ich. Darum soll es aber heute nicht gehen…

Denn schon davor hatte Freud ein anderes Modell der Psyche entwickelt: Das topographische Modell. Das besteht aus dem Unbewussten, dem Vorbewussten und dem Bewussten. Diese topischen Modelle werden auch Eisbergmodelle genannt. Warum, sieht man hier:

Das Eisbergmodell von Freud zeigt das Bewusste, Vorbewusste und Unbewusste
Topografisches Modell nach Sigmund Freud

Mit diesem Modell wollte Freud die Existenz und Wirkungsweise unbewusster seelischer Inhalte beschreiben und hat dafür drei Stufen des Bewusstseins entwickelt:

Das Bewusste

Das Bewusste stellt die im Moment bewusst erfassten Wahrnehmungen und Gedanken dar. Es macht nur einen Bruchteil unseres Erlebens und Denkens aus – es ist also nur die Spitze des Eisbergs.

Teil des Eisbergmodells von Freud: Bewusst

Alles was sich im Vorbewussten befindet, ist noch nicht bewusst, aber bewusstseinsfähig.

Das Vorbewusste

Das Vorbewusste umfasst Erinnerungen und Wissen, das du aktiv in einer bestimmten Situation aufrufen kannst. Sonst ist es uns aber nicht bewusst. Ein gutes Beispiel dafür sind zum Beispiel Liedtexte oder Gedichte, die du selber mal in der Grundschule auswendig lernen musstest und die du von irgendwo tief drinnen wieder hervorgeholt kannst.

Teil des Eisbergmodells von Freud: Bewusst und Vorbewusst

So einfach ist das mit dem Unbewussten nicht:

Das Unbewusste

Wie schon gesagt, handelt es sich bei dem Unbewussten um die Grundannahme der Psychoanalyse. Das heißt, die Psychoanalyse geht davon aus, dass es unbewusste psychische Inhalte gibt und dass sie auf uns einwirken. Diese unbewussten psychischen Inhalte können z.B. unangenehme Erinnerungen, bedrohliche Erfahrungen oder unerlaubte Triebe sein. Meist stammen die noch aus der frühen Kindheit.

Denen ist der Zugang zum System Vorbewusst-Bewusst durch Verdrängung verwehrt und der Mensch wehrt sich erheblich gegen die Aufnahme dieser Inhalte in das Bewusste. Manchmal lässt es sich aber erkennen, z.B.  an Fehlleistungen (wer kennt nicht den Freudschen Versprecher?), Träumen oder auch in Witzen.
Etwas Triebhaftes – also etwas, was sonst nicht erlaubt ist – kann in einer solch verschobenen Form zum Ausdruck kommen. Meist merkt man es selber nicht…

Grundsätzlich versuchen aber auch die verdrängten Wünsche ins Bewusstsein zu gelangen, um dort befriedigt zu werden.  Dafür müssten sie eine Abwehrschranke, die sogenannte Zensur überwinden. Hier wird überprüft, ob es sich um tabuisierte Inhalte handelt, die bei dem entsprechenden Menschen mit unangenehmen Gefühlen verknüpft sind und vor denen er sich schützten möchte – es erfolgt quasi ein Abgleich mit der Realität, besonders mit der sozialen Realität (Ist das peinlich? Werde ich ausgestoßen, abgelehnt oder abgewertet?).

Das Eisbergmodell von Freud zeigt das Bewusste, Vorbewusste und Unbewusste
Topografisches Modell nach Sigmund Freud

Bestehen sie die Prüfung, dürfen sie weiter ins Vorbewusste.

Werden sie aber als zu gefährlich eingestuft, müssen sie im Unbewussten bleiben.

Die Erinnerungen und Triebe sind jedoch keinesfalls vergessen, sondern können das Verhalten des Menschen in großem Maße beeinflussen. Sie verschaffen sich in Form von Symptomen, Träumen oder Phantasien Aufmerksamkeit und beeinflussen auf diese Weise unser tägliches Erleben und Selbsterleben.

In der psychoanalytischen Theorie geht man also davon aus, dass die Motive menschlichen Verhaltens, Fühlens und Denkens größtenteils unbewusst sind. Entwickelt haben sich diese Motive in den ersten Bindungserfahrungen während der frühen Kindheit.

So viel erstmal zur Theorie des Unbewussten! Das war jetzt eine sehr verdichtete Darstellung, wenn ihr noch Fragen habt, dann schreibt die gerne in die Kommentare! Hier könnt ihr alles auch noch mal als Video anschauen:

Zwei weitere wichtige Konzepte aus der Psychoanalytischen Pädagogik

Neben dem Unbewussten gibt es zwei weitere wichtige Konzepte in der Psychoanalytischen Pädagogik: Übertragung und Projektion. Beide haben großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen und sind auch im pädagogischen Kontext bedeutsam. Das Verständnis dieser psychischen Prozesse kann dir helfen, die Dynamik in deiner Klasse zu verstehen, Ursachen für Unterrichtsstörungen zu erkennen und aufzulösen und so eine förderliche Lernumgebung für deine ganze Klasse zu schaffen.

Übertragung und Gegenübertragung

Übertragung und Gegenübertragung finden jeden Tag und in jeder sozialen Begegnung statt. Wenn wir LehrKräfte ein Klassenzimmer betreten, geht unbewusst die Post ab. Die psychoanalytische Pädagogik betrachtet Übertragung und Gegenübertragung deshalb als Schlüsselkonzepte im Klassenzimmer.

Aber was ist diese Übertragung jetzt eigentlich genau?

Übertragung bezieht sich auf die Wiederholung von Beziehungserfahrungen der Kinder aus der Vergangenheit, die sich nun auf dich als LehrKraft richten. Diese Erfahrungen prägen die Interaktion zwischen deinen Schüler:innen und dir und können positive oder negative Auswirkungen haben. Bei positiven Übertragungen verläuft die Beziehung harmonisch, während negative Übertragungen zu Konflikten führen können. Du als LehrKraft reagierst wiederum auf die Übertragung der Kinder durch Gegenübertragungsreaktionen, die von deinen eigenen Erfahrungen geprägt sind. Diese unbewussten Prozesse können zu Unterrichtsstörungen führen, wenn sie nicht bewusst reflektiert und bearbeitet werden.

Projektion

Während sich die LehrKraft im Falle der Übertragung unbewusst mit dem Übertragungsobjekt identifiziert und so selbst zum traumatisierenden Objekt werden kann, verhält es sich bei der Projektion etwas anders: Es werden nicht die Objektanteile, sondern die eigenen Anteile der ursprünglichen traumatischen Situation bei der LehrKraft mobilisiert. Die LehrKraft wird dazu gebracht, entsprechend der Projektionen zu erleben und sich zu verhalten.

Diesen Rollentausch inszenieren häufig sogenannte hochaggressive Kinder, wenn sie andere hemmungslos schlagen und die LehrKräfte in einen ohnmächtigen, hilflosen Zustand versetzten. Die LehrKraft gerät in die Rolle des traumatisierten Kindes und übernimmt in einer Stellvertreterfunktion die Wirklichkeit der traumatischen Erfahrung. Dadurch muss das Kind sie nicht erneut durchleben und kann auf eine LehrKraft als Interaktionspartner hoffen, die sich aus der traumatischen Situation befreien kann. Die LehrKraft kann den Teufelskreis durchbrechen und das Trauma stellvertretend bearbeiten. Das stellt eine große Herausforderung dar und ist ohne intensive Selbstreflexion (am besten mit Unterstützung!) kaum möglich.

Die Kraft unbewusster Prozesse in deinem Klassenzimmer

Wichtig festzuhalten ist, dass unser Verhalten nicht nur von bewussten Absichten, sondern auch – oder sogar vor allem – von unbewussten oder unbewusst gewordenen Erfahrungen, Wünschen und Ängsten bestimmt wird.

Das Unbewusste beeinflusst so fast alle Bereiche des Lebens, aber besonders stark zeigt es sich in der sozialen Inszenierung. So nennt man das unbewusste Gestalten von zwischenmenschlichen Beziehungen. Z.B. zwischen einem Kind und seinen Mitschüler:innen oder seinen Lehrer:innen. Bei Kindern kann man häufig beobachten, dass sie es nicht schaffen mit einem positiven Ausgang – z.B. dem gemeinsamen Spiel –  mit einem anderen Kind in Kontakt zu treten. Anstatt zu fragen, ob es mitspielen darf, nimmt es dem anderen Kind die Mütze weg oder bewirft es mit Sand. Die darauffolgende Ablehnung und Zurückweisung sind dem Kind aus früheren Beziehungen bekannt, bestätigen sein Selbstbild und führen so auf absurde Weise zu einem Gefühl von innerer Stabilität und kohärenter Beziehungserfahrung. Die ständigen Wiederholungen dieser negativen Kontaktaufnahme lässt außerdem vermuten, dass das Kind den Wunsch verspürt, endlich eine andere Antwort zu bekommen.

Das Beispiel soll deutlich machen, dass die zunächst einfach als störend oder aggressiv empfundenen Verhaltensweisen Ausdruck einer innerpsychischen Konfliktlösestrategie des Kindes sein können mit denen es versucht, sich vor beängstigenden sozialen Anforderungen zu schützen.

Aber macht es das Wissen um die Ursachen für Unterrichtsstörungen jetzt besser? Ich finde, ja!

Denn die Deutung des unerwünschten Verhaltens aus einer psychoanalytischen Haltung heraus verhilft mir zu neuen Spielräumen in der Interaktion mit dem Kind.  Für alle Lehrer:innen ist es also sehr hilfreich, um die unbewussten Prozesse im Klassenzimmer zu wissen und zu verstehen, dass entscheidende Faktoren des Erlebens und Handelns für das Kind nicht bewusst verfügbar und somit auch nicht steuer- und kontrollierbar sind. Es KANN sein Verhalten in manchen Situationen nicht ändern!

Genauso wichtig ist in der Konfliktdynamit mit dem Kind die eigenen unbewusst handlungsleitenden Anteile zu erkennen, denn nur dann kann ich das konflikthaft Interaktionsverhalten durchbrechen.

In der Anerkennung der eigenen Anteile liegt der erste Schritt zu einem professionellen, konstruktiven und nicht zuletzt angenehmeren Umgang mit dem Gegenüber.

Psychoanalytische Pädagogik als Gamechanger

Zu meinem Studium der Psychoanalytischen Pädagogik gehörte neben der umfangreichen Theorie auch hunderte Stunden an Selbsterfahrung in Form einer pädagogischen Balintgruppe. Beides zusammen hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Die Theorie hat mir Worte gegeben, für das, was ich im Klassenzimmer wahrgenommen habe. Das Verhalten der Kinder konnte ich nun nicht mehr nur als einfache Unterrichtsstörung betrachten, sondern als soziale Botschaft, die die Kinder an mich richteten. Ich lernte, dass jedes Verhalten subjektiv sinnvoll ist! Mag es von außen auch noch so destruktiv aussehen, für die Kinder ist es gerade die beste Lösung für einen inneren Konflikt. Sie handeln in ihrer inneren Welt logisch.

Das Gleiche galt selbstverständlich auch für mich: Ich lernte meine eigene Geschichte, meine inneren Muster und meine Triggerpunkte kennen und verstand meine Reaktionen auf bestimmtes Schüler:innenverhalten. Getragen von dieser verstehenden Haltung wurde mein Lehrerinnenleben ein gänzlich anderes! Durch die intensive Beziehungsgestaltung zu den Schüler:innen und Kolleg:innen konnte ich endlich meine ganze LehrKRAFT entfalten!

Nutze auch du die Kraft der Selbstreflexion für dich

Fast wichtiger als das theoretische Wissen ist die psychoanalytisch verstehende Haltung! Diese Haltung kannst du durch regelmäßige Selbstreflexion entwickeln.

Hierfür kann man z.B. Balintgruppen besuchen. Das ist eine psychoanalytische Form der Supervision. Neben der Problematik, die die Schüler:innen mitbringen, steht hier auch die Selbstreflexion der Eigenanteile und der eigenen Deutungsmuster im Vordergrund. Wenn du die erkennst, kannst du die Wahrscheinlichkeit eines destruktiven Mitagierens verringern.

Auch ganzheitliches Coaching kann dir dabei helfen, deine eigenen inneren Anteile kennenzulernen, indem es einen sicheren Raum bietet, in dem Selbstreflexion, Bewusstwerdung und Integration stattfinden können. Durch gezielte Fragen, Übungen und Techniken werden verschiedene Aspekte deiner Persönlichkeit, wie Gefühle, Überzeugungen und Verhaltensmuster, erforscht und ein tieferes Verständnis für deine eigene innere Dynamik entwickelt. Dies ermöglicht dir, verborgene oder verdrängte Anteile ans Licht zu bringen, sie anzuerkennen und in Einklang mit ihnen zu kommen. Darüber hinaus kann ganzheitliches Coaching auch dazu beitragen, deine Leidenschaft und Freude an deinem Beruf (wieder) zu finden und zu bewahren.

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Ich freue mich sehr, wenn ich dich dabei unterstützen darf, deine LehrKraft zu entfalten. Damit dir dein Beruf wieder Freude macht!  Sei es mit meinem Blog, einem inspirierenden Posting oder im Coaching!

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